Hickory Wind

Oktober 31, 2007

Ja, da kann man nichts machen, durch muss man da. Die Tage gehen so, zu viel ist zu tun, als man man ernsthaft in die Versuchung kommen könnte. Rumsitzen an den Abenden, viel Bier trinken und Southern Comfort und Schwachsinn im Fernsehen gucken. Irgendwann dann doch wieder die Kisten mit den Fotos, wahnsinn, wie viele es von mir als Kind gibt, die ich nicht kenne. Und so viele fremde Menschen in Gegenden, die ich nie gesehen habe, und jedesmal der Gedanke: Papa fragen.

Und wo sind eigentlich die Rituale? Ich sehe mich plötzlich nach welchen, als wären sie ein Versprechen, ihn nicht zu vergessen. Aber das hat schon bei meiner Mutter nicht geklappt; die Traditionen waren immer Form ohne Inhalt für mich. Wenn das hier vorbei ist, werde ich hierhin wohl so schnell nicht zurück kommen. Gräber haben mir nie etwas bedeutet und den Ort habe ich die meiste Zeit gehasst, was sollte ich also hier? Aber der Gedanke, dass er hier gelebt hat, jeden Stein kannte und dass er eine Heimat war, die es nicht mehr geben wird tut zu weh, als das ich ihn grade mal so zulassen könnte.

Heute morgen mit Bruder und Pastor Ralf auf dem Friedhof gewesen, sein Grab wird einen Steinwurf von dem von Mutti sein. Es war gut, einem anderen Menschen von Papa zu erzählen. Ich habe nicht ein einziges Mal mit Gott gesprochen, seit dem ich hier bin, aber ich weiss, dass seine Hand auf meiner Schulter liegt, sozusagen.

Vor ein paar Tagen habe ich im Rahmen von 30 Jahren Rockpalast die von mir bis zur vorletzten Platte kultisch verehrte Band Erdmöbel gesehen, die gerade ein Album mit eingedeutschten Nummer-1-Hits gemacht haben. Die hatten eine sehr schöne Version von Joan Osbornes Nervsong “One of us”:

Wäre Gott einer wie wir/
eingeschlafen mit ‘nem Bier/
nur ein Fremder um halb vier/
In der letzten Stassenbahn/
der versucht, nach Haus zu fahr’n

Das schöne ist ja: Genau das war er.

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Ein Leben, 1927-2007

Oktober 28, 2007

Seit Donnerstag war er in einer Reha-Klinik. Am Tag seines Transports hat mein Cousin ihn noch besucht und erzählt, dass er richtig wach war, ihn erkannt, seine Hand gedrückt und sogar versucht hat, zu sprechen. Heute morgen hatte er eine Blutung, man hat ihn noch mit einem Krankenwagen zu einem Hospital gefahren, doch den Transport hat er nicht mehr überlebt. Ich hätte ihn so gerne noch mal gesehen.

Wenn man soft genug auf einen Satz starrt, dann löst sich sein Sinn für gewöhnlich in Nichts auf. Ich habe den Satz “Mein Vater ist gestorben” heute so oft gesprochen und geschrieben und warte immer noch darauf, dass sich mir seine Bedeutung erschliesst. Morgen früh fahre ich nach Köln, um die Beerdigung zu organisieren und die Wohnung aufzulösen und ich frage mich gerade, was wohl beschissener sein wird. Vielleicht wird mir sein Tod erst bewußt, wenn seine Wohnung nicht mehr da ist und es noch nicht mal mehr einen physischen Ort gibt, der mich mit ihm verbindet.

Die Dinge passieren, und Gott weiss es. Mehr kann ich gerade nicht an Trast aufbringen.

Im Radio läuft gerade diese fürchterliche Instant Karma-Version der noch unerträglicheren U2 und ich versuche, nicht an meinem Vater zu denken. Aber wie soll das gehen – seit zwei Wochen fahre ich täglich eine Stunde mit dem Bus nach Siegburg, um ihn für maximal zwei Stunden auf der Intensivstation besuchen zu können, und dann eine Stunde wieder zurück. Jeden Tag rufen mindestens 3 Leute an, um zu fragen, wie es ihm geht, was ich vom Prinzip her natürlich schön finde. Solange es langsam besser geht, macht mir das nichts aus. Aber wenn ich selber Angst habe, was wird denn dann von mir erwartet? Durchhalteparolen? Die Wahrheit? Aber was ist die Wahrheit? Schliesslich reime ich mir selber jeden Tag aus’s Neue zusammen, wie es ihm wohl geht.

Heute gibt es nichts Gutes zu berichten. Er schien wieder viel weiter weg zu sein, hat mich kaum angesehen und auch keinen Händedruck hingekriegt. In den letzten drei Tagen ist es so viel besser geworden, aber ihn heute zu sehen hat mich fertig gemacht. Er hat sich viel bewegt in seinem Bett, was eigentlich ein gutes Zeichen ist, aber seine Bewegungen erinnerten mich deutlichst an die meiner Mutter, nachdem sie ihre Schlaganfälle bekommen hatte. Der Arzt sagt, er habe eine Heparin-Unverträglichkeit (ein Blutverdünnungsmittel), was zu vielen kleinen Verschlüssen im Gehirn geführt haben könne. Der Neurologe will noch Untersuchungen machen, aber es könnte sein, dass er in einem Dämmerzustand bleibt, aus dem er nicht mehr aufwacht. Und als ich ihn heute da so liegen da, mit so wenig Bewußtsein hinter seinen Augen, da hatte ich ein sehr schlechtes Gefühl.

Die Frau, die mit ihm auf dem Zimmer liegt, hatte ähnliches, nur schlimmer: Sie hatte eine Allergie gehen Heparin, was zu einem Herzinfakt nach der Bypass-OP führte und ihr ging es sehr schlecht. Langsam berappelt sie sich wieder, und an manchen Tagen sieht es so aus, als ob die beiden ein morbides Wettrennen führen, wer denn wohl als erster aufwacht. Wenn überhaupt.

Ich musste mich heute sehr zusammenreissen, um im Kranlenhaus nicht einfach hemmungslos loszuheulen. Dabei weiss ich, dass Gott bei uns ist. Es beten so viele Leute für ihn, und ich fühle mich in meinem täglichen Gebetszeiten meist sehr geborgen.

Ich muss jetzt ins Bett. And we all shine on.

Free Burma!

Oktober 4, 2007


Free Burma!

thank you

Oktober 3, 2007

icu

Er liegt da und schläft. Es gibt nach wie vor keine negativen Nachwirkungen der Bypass-OP, die Lungenentzündung bessert sich von Tag zu Tag und all seine Werte sind stabil. Nur aufwachen will er nicht. Heute ist der dritte Tag, an dem er kein Schlafmittel mehr bekommt, aber bis darauf, dass er manchmal kurz die Augen offen hat, ohne etwas zu erkennen, passiert nichts.

Die Schwester weisst darauf hin, dass es desto länger mit dem Aufwachen dauern kann, je älter der Patient ist und je länger die Narkose war, aber mein Vater ist 80 Jahre alt und seine Arterien sind verkalkt; wer weiss, was sich in der letzten Woche in seinem Hirn abgespielt hat? Ob er träumt? Manchmal sieht es aus, als hätte er Schmerzen. Ich wünschte, ich könnte bei ihm sein, wenn er langsam wieder aufwacht. Er wird sicher Angst haben, weil er nicht wissen wird, wo er ist und was passiert ist.

Die Liebste ist heute Mittag wieder zurück nach Berlin gefahren. Sie war seit Samstag da und war wirklich eine grosse emotionale Hilfe. Gerade bin ich wieder zurück aus dem Krankenhaus gekommen, in diese leere Wohnung, die mein Vater sonst so selten verlassen hat…

Samstag fährt mein Bruder, mit dem ich mich bis jetzt jeden Tag im KH getroffen habe, für eine Woche an die Nordsee. Er hatte eigentlich Zweifel, aber ich habe ihm dazu geraten, denn er arbeitet sehr viel für sehr wenig Geld und hat 3 kleine Kinder. Ich gönne ihm jede Erholung, die er kriegen kann. Die nächste Woche werde ich dann noch hier bleiben; dann: mal sehen. Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses Allein-sein momentan so belastet.

In dem Buch, das ich gerade gelesen habe, gibt es ein Gedicht, dass mich sehr berührt hat, und wie sich das mit Kunst gehört, weiss ich gar nicht genau, warum. Es ist wohl eher das Thema Dankbarkeit und nicht die Begriffe, die auch gerade in meinem Leben eine zentrale Rolle spielen.

Ich tippe das jetzt einfach mal ab, obwohl ich weiss, dass ich das nicht darf. Aber machmal sind Copyrights eben auch nur scheissegal.

Thanks

Listen
with the night falling we are saying thank you
we are stopping on the bridge to bow from the
railings
we are runniung out of the glass rooms
with our mouths full of food to look at the sky
and say thank you we are standing by the water
looking out
in different directions

back from a series of hospitals back from a
mugging
after funerals we are saying thank you
after news of the dead
whether or not we knew them we are saying thank
you
in a culture up to its chin in shame
living in the stench it has chosen we are saying
thanks you

over telephones we are saying thank you
in doorways and in the backs of cars and in
elevators
remembering wars and the police at the back door
and the beatings on the stairs we are saying thank
you

in the banks that use us we are saying thank you
with the crooks in the office with the rich and the
fashionable
unchanged we go on saying thank you thank you

with the animals dying around us
our lost feelings we are saying thank you
with the forests falling faster than the minutes
of our lives we are saying thank you
with the words going out like the cells of a brain
with the cities growing faster over us like the earth
we are saying thank you faster and faster
with noboby listening we are saying thank you
we are saying thank you thank you and waving
dark though it is.

W.S. Merwin